"Als der Trecker kam und das Pferd verschwand" - Landwirte erinnern sich

Filmvorführung der mawi media Filmproduktion.

Der Trecker hat die Landwirtschaft revolutioniert. Waren in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts starke Pferde noch unentbehrlich, setzte sich in den
1950er Jahren die Vollmotorisierung durch - es gab so viele verschiedene
Marken und Zulassungen wie nie! Was aber hat dieser Wechsel für die
einzelnen Landwirte bedeutet - welche Veränderungen gab es auf ihrem Hof,
und welche Herausforderungen mussten sie meistern, um mit dieser neuen
Technik fertig zu werden?
Das wollten die beiden Journalisten und Filmemacher Ernst Matthiesen und
Marion Wilk aus der Elbe-Weser-Region genauer wissen. Doch um Antworten auf ihre Fragen zu finden, die im Zweiten Weltkrieg und bis Ende der 1950er Jahre ihren Ausgangspunkt haben, mussten sie zunächst auskunftsfreudige Zeitzeugen suchen - und von denen gibt es nicht mehr all zu viele! Einer von ihnen kommt aus dem Oldenburger Land - der 80-jährige Landwirt und Hofladenbetreiber kann sich noch ganz genau an seinen großen Trecker- Traum von damals erinnern: „1941, da waren wir der erste Betrieb im Dorf, der einen Schlepper hatte. Und ab 1950 nach dem Krieg, da kamen die meisten Betriebe hinterher, die dann auch einen Schlepper hatten. Da ging es dann los mit 15, 20 PS - und die größten Schlepper der damaligen Zeit hatten 30 PS. Und dieser 30er Deutz, der hatte einen so schönen satten Klang - also, da haben wir immer so ein bisschen neidisch hingeguckt!“.

Was für den einen der Deutz, war für den anderen der Porsche - bei dem
kommt der 85-jährige Landwirt und Lohnunternehmer aus der Lüneburger
Heide jedenfalls immer noch ins Schwärmen: „Dieser Porsche, 30 km schnell - da waren wir Jungs hin und weg und haben unseren Vater natürlich
gelöchert! Er hat dann auch relativ schnell zugesagt und den gekauft. Man
saß oben, schaute auf die unten laufenden Menschen herab - und fühlte sich
wie ein König!“

An einen ganz anderen Trecker erinnert sich der der 84-Jährige Landwirt aus
dem Landkreis Rotenburg/Wümme: an den 20 PS starken Lanz Bulldog, den
sein Vater 1938 gekauft hatte. Nachdem ein Klempner die kaputte Heizlampe
gelötet hatte, löste sich beim ersten Neustart in der Scheune plötzlich das
Zinn: „Da war ein Liter Benzin in der Heizlampe drin und da wurde Druck
aufgepumpt - und in dem Moment kam da das Benzin raus und flog bei uns
im Stall umher! Und dann brannte oben schon der Haferhaufen und das
Feuer, das flog durch die Dachpfannen!“. Damals ein großer Schock - heute
kann der 83-Jährige darüber lachen.

Die drei Landwirte, die im Film zu Wort kommen, sind ein wahrer Glücksgriff:
denn obschon sie damals unter ähnlichen Bedingungen gelebt haben,
unterscheiden sie sich sowohl in ihren thematischen Schwerpunkten als auch in ihrem Erzählstil - und manchmal auch in ihren Bewertungen der damaligen Vorkommnisse. Gleichzeitig berichten die Protagonisten derart kompetent, enthusiastisch und oftmals augenzwinkernd über ihre Kindheit, Jugend und ihr Leben als junge Erwachsene in der Landwirtschaft, dass ihre Schilderungen mehr sind als spannend und abwechslungsreich: sie sind imstande, weit über das individuelle Schicksal hinaus zu führen und ein
vielschichtiges Bild des Erlebens vergangener bäuerlicher Existenz zu
zeichnen. Insofern stehen diese drei Protagonisten stellvertretend für die
damalige Generation von Landwirten, die sich inmitten des einzigartigen
technischen Wandels wiederfanden.

Hinter dem ambitionierten Dokumentarfilm „Als der Trecker kam und das
Pferd verschwand - Landwirte erinnern sich“ stehen die beiden Journalisten
und Filmemacher Ernst Matthiesen und Marion Wilk, die sich bereits seit
mehreren Jahren intensiv mit „grünen“ Themen und Treckern beschäftigen:
„Wir sind fest davon überzeugt, dass es gerade in diesen Zeiten wichtig ist,
Themen aus der bäuerlichen Landwirtschaft engagiert aufzugreifen und damit etwas anzustoßen - und mit unserem Dokumentarfilm möchten wir dazu beitragen, den historisch einmaligen Wechsel in der Landwirtschaft in
Erinnerung zu halten!“, so Matthiesen. Und seine Partnerin ergänzt: „Die
Erfahrungen und Erlebnisse der Landwirte haben uns tief beeindruckt! Man
kann gar nicht genug Hochachtung haben, wenn man sich klar macht, unter
welch schwierigen Verhältnissen die Menschen damals auf dem Land gelebt und gearbeitet haben - das sollte nie vergessen werden!“.
Ihr 55-minütiger Film, der übrigens auch alte Privatfotos und historisches
Filmmaterial zeigt, erschien Ende 2017. Er wurde vom Publikum so begeistert aufgenommen, dass die beiden Journalisten ein Jahr später ihr
gleichnamiges, thematisch erweitertes Buch herausbrachten. Dafür wurden
nicht nur neue Interviews mit den Landwirten gemacht, die beiden
Journalisten sind dafür auch auf eine verzweigte Suche nach - vor allem
historischem - Bildmaterial gegangen. Und die Mühe hat sich gelohnt: im
Buch werden mehr als 100 Bilder präsentiert. Auf eigene Autorentexte haben
die beiden Kreativen dagegen bewusst verzichtet, auch die facettenreichen
Erzählungen der Landwirte wurden zwecks größtmöglicher Authentizität
vollständig in direkter Rede belassen: „Unser Anliegen ist es, den ehemaligen Landwirten ganz unkommentiert ein Forum zu geben - auch in diesem Buch geht es ganz und gar um ihre Erinnerungen an die Zeit der großen Revolution auf dem Acker!“, so die Autoren. Schließlich wollen sie auch mit dem Buch dafür werben, dem Leben und Wirken der Bauern - damals, aber auch heute - mehr Interesse, Sympathie und Wertschätzung entgegen zu bringen.
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Termin 24.10 - 0
 
Ort Museumsdiele